„Von der DDR-Backstube zum Großfilialist“
Andreas Bosse erzählt die ebenso bewegte wie bewegende Erfolgsgeschichte seiner Stendaler Landbäckerei
Der Mauerfall brachte viele Produktionsbetriebe der DDR in Existenznot – so auch den VEB Backwarenbetrieb in Stendal. Heute heißt er „Stendaler Landbäckerei“ und gehört mit mehr als 130 Filialen zu den Großfilialisten im hart umkämpften Backwarenmarkt. Der Mann hinter dem Erfolg: Andreas Bosse. Im „Entrepreneurs Talk“ mit Prof. Asghari erzählt er vor Studierenden und Fernsehkameras, wie er ganz ohne Eigenkapital den Betrieb übernahm und erfolgreich sanierte.
„Ich rate jedem, der eine gute Idee und einen starken Willen hat, zur Selbstständigkeit. Doch ich wünsche niemandem, ein Unternehmen mit 800 Mitarbeitern übernehmen zu müssen.“ Andreas Bosse spricht aus Erfahrung, denn genau dieser Situation sah er sich im Jahre 2005 gegenüber, als das angeschlagene Stendaler Bäckereiunternehmen zum Verkauf stand. „So eine Chance lässt man sich nicht entgehen. Das Schicksal von 800 Mitarbeitern und ihren Familien stand auf dem Spiel. Da kann man gar nicht anders.“ Eine beherzte Entscheidung, die jedoch ein enormes Risiko barg, denn Bosse hatte kein Eigenkapital und der ehemalige DDR-Betrieb kämpfte noch immer mit der Umstellung auf die freie Marktwirtschaft.
Ursprünglich sollte die erst kurz vor der Wende fertig gestellte Bäckerei neben der Stendaler Bevölkerung vor allem die in der Region stationierten Streitkräfte der Sowjetarmee und die Arbeiter der Großbaustelle des Kernkraftwerks Stendal versorgen. Doch mit der Wende kam der Truppenabzug und die Stilllegung der Kraftwerksbaustelle – Ein erhebliches Absatzpotential ging verloren. Nach sehr wechselhaften Jahren, verschiedenen Geschäftskonzepten, drei Eigentümerwechseln und der Zusammenführung mit der „Mitteldeutsche Backwarenbetriebe GmbH Magdeburg“ zu einer gemeinsamen Holding konnte das Unternehmen bis zum Jahre 2002 zwar ausgebaut werden, stand jedoch vor großen Liquiditätsproblemen.
Im Frühjahr 2003 wurde Andreas Bosse zum Geschäftsführer des Gemeinschaftsunternehmens berufen. Der studierte Landwirt fing nach der Wende zunächst als einfacher Verkaufsfahrer im Lebensmitteleinzelhandel an, um seine junge Familie durchzubringen, arbeitete sich jedoch schnell nach oben. Seine Aufgabe als neuer Geschäftsführer war klar: Das Unternehmen vor der Pleite retten. „Dass ich die Holding eines Tages selbst übernehmen würde, konnte ich mir seinerzeit noch überhaupt nicht vorstellen“, erinnert sich der 49-Jährige.
Mit viel Mut und einem straffen Sanierungskonzept stellte er sich dem gnadenlosen Konkurrenzkampf im Backwarengeschäft. „Es gibt viele Unternehmen, die Backwaren verkaufen und die das sehr gut können. Wir mussten uns die Frage stellen: Was können wir besser?“ Die Antwort lautete: Konzentration auf das Filialgeschäft als Kernkompetenz, ein neues Marketingkonzept und intensive Mitarbeiterschulung für besten Kundenservice. Außerdem krempelte Andreas Bosse die Unternehmensstruktur um. Das verlief nicht immer schmerzfrei. „Das Schlimmste, was ich lernen musste, war, dass ich nicht alles selbst machen kann“, gibt er offenherzig zu. Er habe Verantwortung abgeben müssen und brauchte dafür Leute in den Schlüsselpositionen, die seine Leidenschaft und seinen Willen zum Erfolg teilen. „Das hat nicht immer auf Anhieb gepasst, so kam es anfangs zu einigen Personalwechseln. Doch ich wusste: Nur mit dem richtigen Team konnte die Rettung gelingen.“
Andreas Bosse fand nicht nur das richtige Team, sondern mit ihm auch den Mut, zwei Jahre nach seinem Einstieg als Geschäftsführer die Anteilsmehrheit an der Holding zu erwerben und den Sanierungsprozess als Eigentümer weiterzuführen. Bloß: Mut alleine reichte nicht. Ohne jegliches Eigenkapital war er auf die Hilfe der Banken angewiesen, die aber lehnten angesichts der erforderlichen Kreditsumme von mehreren Millionen Euro reihenweise ab. „Ich hatte einen tragfähigen Geschäftsplan und konnte schon erste Sanierungserfolge vorweisen. Trotzdem kam ich oft nicht einmal an der Vorzimmerdame vorbei.“ Nur eine von 16 Banken war bereit, die Unternehmensübernahme zu finanzieren. Mit ihr arbeitet Bosse noch heute zusammen. Und das überaus erfolgreich: Er hat die Bäckereibetriebe nicht nur finanziell saniert, sondern aus ihnen ein zukunftsweisendes Unternehmen gemacht. Betriebliche Ferienplätze, vorbildliche Nachwuchsarbeit und ein umfassendes Umweltkonzept sind nur einige Beispiele. In zwei Jahren wird Bosse seine letzte Rate an die Bank zahlen. Dann kann er noch mehr in den Ausbau des Unternehmens investieren.
Die anwesenden Studierenden sind sichtlich beeindruckt. Einige von ihnen basteln bereits an eigenen Geschäftsideen und nutzen dankbar die Gelegenheit, von einem echten Entrepreneur zu lernen: Welche Schwierigkeiten einem in der Selbstständigkeit große Sorgen bereiten können. Wie man es schafft, seine Mitarbeiter von einer neuen Unternehmensphilosophie zu überzeugen. Und woher man die Kraft und Ideen für all das nimmt. Andreas Bosse antwortet ebenso offen wie leidenschaftlich: „Schlaflose Nächte bereitete mir vor allem die monatliche Lohnzahlung in Höhe von 750.000 Euro.“ Sei Anspruch war, die Mitarbeiter immer pünktlich zu bezahlen und das hat er von Anfang an durchgezogen – selbst wenn dadurch die wichtige Mehllieferung mitunter in Gefahr geriet. So erwarb er das Vertrauen seiner Mitarbeiter und sie belohnten ihn mit guten Ideen. „Meine Mitarbeiter sind bis heute meine einzige und beste Unternehmensberatung. Meine Familie natürlich auch. Ohne sie hätte ich das alles nicht geschafft. Ich sehe mich einfach als Teil des Ganzen. Meine Kinder arbeiten inzwischen auch im Unternehmen. Um meine Nachfolge brauche ich mir also keine Gedanken machen.“
Bei aller Bescheidenheit fügt er dann aber noch mit einem verschmitzten Lächeln hinzu: „Eine gute Portion Sturheit hat sicherlich auch zum Erfolg beigetragen.“ Schon als Kind sei er ein echter Dickkopf gewesen. Genau das habe ihm dann aber geholfen, seiner Linie zu folgen und nach jeder Bankabsage wieder aufzustehen und zur nächsten Bank zu gehen. So kann er Eltern, die mal wieder an ihren bockigen Kindern verzweifeln, Hoffnung machen: „Vielleicht werden aus ihnen später einmal die besten Unternehmer.“